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Betrügen unter dem Zwang der Verhältnisse

Immer wieder lernen wir sie kennen: Menschen, die Betrügen unter dem Zwang der Verhältnisse oder einer akuten Situation. Dann ist der Aufschrei groß. Wir ziehen alle greifbaren moralischen Register, die wir für uns selber bitteschön aber nicht dauernd gezogen sehen wollen. Wir gehen auf die Barrikaden unserer eigenen kleinen Welt. Dabei sind wir – genauso wie die, über die wir da den Stab brechen – Menschen, mit Fehlern und Bedürfnissen. Ich möchte daran kurz erinnern.


Der Name Petra Hinz steht – so unspektakulär er klingt – für nur einen weiteren Skandal rund um die Außendarstellung von Qualifikationen in der deutschen Politik. Nach zu Guttenberg (CSU), Brinkmann (SPD), Chatzimarkakis (FDP) und einigen anderen, die sich ihre Doktortitel unehrlich erworben haben, bekommen wir es nun mit einer fast komplett gepimpten Vita zu tun. Erstaunlich allerdings, dass das bislang niemandem aufgefallen war.

Niemand ist wirklich entsetzt

So richtig entsetzen kann das eigentlich niemanden. Die einen wird es schadenfroh amüsieren, die anderen werden peinlich berührt oder betroffen sein. Aber Entsetzen stellt sich kaum ein. Zu sehr haben wir uns daran gewöhnt, dass diejenigen, die Verantwortung tragen – und hier sollten wir nicht nur auf die Politik schauen  – nicht die sind, für die sie sich ausgeben, für die wir sie halten sollen.

Wenn wir damit beginnen wollen, nach Gründen zu suchen – denn gemeinhin verstehen wir ja besser, wenn wir Gründe kennen oder zu kennen glauben –, dann schauen wir zuerst auf den Menschen selber. Dann liegt es nah, einer Frau Hinz nachzusagen, sie habe nur auf ihre eigene Karriere geschaut („karriere-geil“ nennt man das wohl), sei unehrlich, unredlich usw. Das mag sogar sein – ich kenne sie ja nicht.

leere Website mit der Überschrift -Biografie-

Die tatsächliche Biografie der Petra Hinz?

Darstellen, was ich nicht bin

Schauen wir aber kurz über den Tellerrand, müssen wir feststellen, dass wir mit diesen einfachen „Eigenschaften“ viel zu kurz greifen. Schließlich kennt es doch jeder und jede von uns: Aus gutem Grund spielt man irgendwann immer mal eine Rolle. Dann ist man cool, obwohl innerlich die Nerven zittern, schummelt ein klein wenig hier und etwas mehr da. Die anderen sollen schließlich den richtigen, meistens einen guten Eindruck von uns haben. Damit werden wir häufig ganz unbemerkt Opfer der Situation. Wir passen uns, das Bild von uns, so an, wie es gerade „angesagt“ scheint. Meistens bleibt dieses Anpassen folgenlos und im Kleinen auch unbemerkt und unwichtig.

Wenn solches – wie jetzt bei Frau Hinz – im Großen passiert, nicht nur über einen langen Zeitraum, sondern vor allem in einem Umfeld und auf einer Bühne, auf der wir – warum auch immer – weiterhin Ehrlichkeit und Offenheit erwarten, fällt so ein Schwindel mehr ins Gewicht. Ein komplett erfundener Lebenslauf von Schulabschluss an ist schon ein Hammer. Und dennoch wird Frau Hinz im Grunde genauso Opfer, wie oben bereits beschrieben – eben nur in anderer Größenordnung.

Immer besser, immer mehr, immer schöner…

Die eigentliche Ausbildung von Frau Hinz, offensichtlich ein ordentlicher Fachhochschulabschluss, reicht nicht mehr aus, für das, was sie erreichen will. Wie viele hat sie vermutlich einfach das Falsche studiert und in ihr haben sich neue Ambitionen gerührt. Am Scheideweg zwischen dem mühsamen Weg, noch einmal zurück zu gehen und sich unter viel Zeitaufwand die rechte Qualifiaktion anzueignen, und dem zunächst einfacheren Weg, einfach so zu tun, als ob, hat sie sich für einen der Wege entschieden, der sich jetzt als Sackgasse präsentiert.

Auch für diese Frau war irgendwann spürbar, dass das Erreichte nicht mehr gut genug ist. Die Grundanforderungen an Entwicklungswege in Politik und Wirtschaft sind inzwischen sehr hoch. Ein Doktorgrad gehört fast schon dazu, wenn man bestimmte Positionen erreichen will. In früheren Zeiten war das noch fast ein Alleinstellungsmerkmal für viele hochqualifizierte Menschen. Heute aber erleben wir eine Inflation von Doctores – und da zähle ich zunächst mal auch jene mit, die sich mit ein paar Eurofuffzig in Südtschechien einen solchen erkaufen.

Ein qualifizierter Fachhochschulabschluss – ebenfalls in der Generation vor der meinigen noch eine herausragende Qualifikation – hat kaum noch Wert. Ein Master muss es da schon mindestens sein. Ein Universitätsstudium wird ohnehin vorausgesetzt. Wer sich anschließend nicht um einen Doktorgrad bemüht, bleibt stehen – nicht gut. Nicht jeder hat aber das Potential, einen Doktortitel oder den besten Bildungsabschluss zu erwerben und fällt damit durch das Raster, obwohl seine oder ihre Qualifikationen auch heute durchaus noch ausreichend sind, respektable Aufgaben zu erledigen.

Ein Weg ohne Umkehr

Das hat vermutlich auch Frau Hinz gespürt. Der Versuch, das Abitur nachträglich zu erwerben, war für sie nicht erfolgreich. Dass sie offensichtlich für ihre „Berufung“ dennoch problemlos qualifizert war – schulische „Bildung“ wird ohnehin haltlos überschätzt –, zeigt ihre lange Politikkarriere. Die Frau war immerhin seit 2005 Abgeordnete im Bundestag. Also entschloss sie sich, den verpaßten Abschlüssen durch ein wenig Trickserei auf die Beine zu helfen. Wer erst einmal auf diesem Weg ist, kehrt von sich aus niemals um, und jeder Tag macht die Lüge in der Rückschau schwerwiegender. Das lässt sich jetzt an den Reaktionen in der Presse ablesen.

Aber vergessen wir bei aller berechtigten Enttäuschung und Kritik nicht: Dem Grundprinzip verfallen wir alle hier und da oder auch regelmäßig. Und auch wir kehren nicht freiwillig um. Das tun wir nur, wenn uns die Umstände dazu zwingen. Ich werbe also hier für ein wenig Verständnis mit einem Menschen, der einen Fehler gemacht hat. Am Ende ist ja niemand zu schaden gekommen.


Dieser Text soll das Verhalten von Frau Hinz und anderen nicht entschuldigen. Ich möchte nur den Spiegel auf uns selber ein wenig heben, weil wir den so gerne sinken lassen. „Psychologie ist nicht Entschuldiologie“ (Philip Zimbardo)

 

Beitragsbild: Björn Wylezich

 

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