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Burka – Niqab – Burkini

Wir führen wieder eine gesellschaftliche Grundsatzdiskussion. Diesmal geht es um die Frage, wie weit wir die Kleidungsgewohnheiten anderer Menschen akzeptieren. Es geht aber auch um die Frage, was wir in diese Gewohnheiten hinein projezieren und was unsere eigene Intoleranz – besser gesagt die eigene Unfähigkeit, einfach andere sein zu lassen – mit uns selber macht.

Wer in Eile ist, findet unten eine Zusammenfassung.

Mir ist es egal, wer was wie trägt

Ich sage vorweg deutlich, wie ich zu dem Thema stehe: Es ist mir einfach egal, was andere Menschen tragen. Ich lächle manchmal, wenn ich die Kleiderordnung anderer sehe, aber ich stoße mich nicht daran. Ich interpretiere nichts hinein in das, was andere Menschen am Körper tragen. Jeder soll gefälligst das anziehen, was er will. Punkt.

Worüber reden wir eigentlich – und warum?

Nun sind natürlich Burka und Niqab Kleidungsstücke (Informationen zur Unterscheidung), die uns in unseren Breiten bis vor einigen Jahren eher selten begegnet sind, uns daher exotisch vorkommen, fremdartig – und Fremdartiges macht uns unsicher. Wir wehren uns fast instinktiv dagegen, zumal die Schleier häufig in schwarz getragen werden, was zusätzliches Unwohlsein fördert. Und weil wir es gewohnt sind, Körperkonturen eines Menschen zu erkennen, fehlt uns bei einem Vollschleier schlichtweg ein wichtiger Bezugspunkt unseres Beurteilungssystems, ob uns dieses System nun sinnvoller Informationen liefert oder nicht. Unser gewohntes Wahrnehmen wird also behindert und viele Menschen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, was wiederum Angst erzeugt.

Ist die Angst erstmal in uns – wir werden sie kaum wirklich als Angst erkennen, sondern eher als „Unwohl“-Gefühl –, wollen wir auch für uns verstehen, warum wir so empfinden. Genau an diesem Punkt brechen jetzt aber in der Diskussion alle Dämme – so empfinde ich das zumindest. Schauen wir mal, was wir da zu hören bekommen.

Alles Terroristen

Alles, was irgendwie „arabisch“ ist, wird häufig mit „Terror“, zumindest aber mit „Gefahr“ in Beziehung gebracht. Natürlich berufen sich diese Attentäter auf „den Islam“ – „den“ es genau genommen auch nicht gibt –, aber was sagt das schon? George Bush berief sich ehedem auf das Christentum in seinem Kreuzzug gen Irak. Und was genau haben Frauen, die sich in einen Niqab kleiden, damit zu tun?

Die Frauen werden unterdrückt

Das ist häufig das Lieblingsargument der weiblichen Gegner der Vollverschleierung. Es ist keine Frage, dass Frauen in arabischen Ländern andere – und zwar deutlich weniger – Rechte genießen als hier in Westeuropa. Das bedeutet aber keinesfalls, dass JEDE Frau, die in Westeuropa lebt und dennoch einen Schleier trägt, daheim unterdrückt wird. Es ist doch kaum allgemein zu sagen, dass die Einzelne zum Tragen gezwungen wird. Ich vermute, dass dieses Bild womöglich der Wunsch der Kritikerin ist, alle diese Frauen litten unter ihren Ehemännern.

Es gibt eine nette Karikatur, in der zwei Frauen im Niqab am Strand entlang gehen, an dem sich einige Frauen im Bikini sonnen. Die beiden sind sich einig, dass die Armen bedauernswert seien, von ihren Männern gezwungen zu werden, sich halb nackt in der Öffentlichkeit zeigen zu müssen.

Ich halte auch das Argument, sie trügen den Niqab aus religiösen Gründen, für wirkungslos. Dann tun sie das eben. Andere Symboliken religiösen Lebens lassen wir doch auch sonst problemlos zu. Warum machen wir an dieser Stelle einen Unterschied?

Man kann den Frauen nicht in die Augen schauen

Mir ist neu, dass es darauf irgendein Recht gibt. Auch kann man die Augen der Frauen im Niqab problemlos sehen. Bei der Burka ist das anders, aber wieviele Burkaträgerinnen mag es tatsächlich geben hier in Deutschland? Zur Klärung empfehle ich den Artikel von Fabian Köhler. Zwei Zitate möchte ich daraus hier am Rande zitieren.

Dass jetzt alle glauben, Frauen mit einer ‚Burka‘ gesehen zu haben, liegt an diesem Medienhype. Davor wussten selbst die meisten verschleierten Frauen nichts mit dem Begriff anzufangen.

Eine Frau aus Afghanistan erläutert zusätzlich:

Das Tragen der Burka habe in Afghanistan nichts mit Religiösität zu tun, sondern sei viel mehr „eine Frage der Sicherheit“. Frauen trügen den Schleier „aus Angst vor Übergriffen, Gewalt, Belästigungen und Verlust des Rufes“.

Köhler selber findet trotz intensiver Recherche keine einzige Burkaträgerin in Deutschland; mit Ausnahme einer Bild-Reporterin und zweier S/M-Dominas.

Ich finde es interessant, dass der Augenkontakt zur Grundlage „demokratischen Zusammenlebens“ erklärt wird. Was machen wir dann bitte mit all denen, die sich morgens von mir abwenden, wenn ich freundlich einen guten Morgen wünsche? Diese angeblich so wichtige Grundlage ist eben nur dann interessant, wenn sie als Kampfargument dient.

Man fühlt sich unwohl

Ja, das ist wohl so. Aber ich fühle mich auch unwohl, wenn mir im Sommer in der Fußgängerzone ein schwitzender Dicker im Arbeiterunterhemd oder womöglich topless und in Schlabber-Shorts nahekommt. Es gefällt mir nicht, wenn Frauen bauchfrei in der Bahn mir gegenüber sitzen. Es erscheint mir fragwürdig, wenn Menschen mit an den Knien zerissenen Hosen überall rumlaufen. Na und? Es scheint für niemanden ein echtes Problem zu sein.

Aber wenn Frauen ein Kleidungsstück wählen – und ich gehe immer davon aus, dass sie ihre Kleidung freiwillig wählen –, das uns fremdartig vorkommt, dann macht uns das unsicher und wir wehren uns. Und in der aktuellen Grundangst vor allem „islamischen“, bauen wir gedankliche Brücken, die keinerlei Substanz haben.

Fazit

Wer in Deutschland lebt hat ein Recht auf freie Entfaltung. Nur weil etwas unangenehm vorkommt, kann man es nicht verbieten. Es gibt nur „Gewohnheiten“, aber keine aus unseren bisherigen Erfahrungen ableitbaren verbindlichen Regeln bzgl. einer Kleidungsordnung in der Öffentlichkeit.

Wer verlangt, dass sich Menschen integrieren, muss sich nicht nachhaltig darum bemühen, sie auszugrenzen und ihnen den Willen zur Integration abzusprechen, sondern ihnen mit Toleranz zeigen, dass wir an ihnen und ihrer Integration interessiert sind.


Zusammenfassung

Die Diskussion im ein Burkaverbot in Deutschland läuft insgesamt ins Leere. Zunächst werden die Kopfbedeckungen muslimischer Frauen beliebig durcheinander geworfen. Die genannte Burka dürfte in Deutschland kaum anzutreffen sein. Aber auch der i.d.R. zu sehende Niqab ist in erster Linie die freie Kleidungswahl der Frauen, die wir einfach zu tolerieren haben – wie wir es bei anderer fragwürdiger Kleidung auch tun.

Hintergrund der ganzen Diskussion ist vielmehr die Angst, die Menschen grundsätzlich vor dem Fremden haben, dieser Tage insbesondere im Zusammenhang mit allem, was mit „Islam“ zu tun zu haben scheint. Da werden Zusammenhänge zwischen Religion, islamischen Frauenbild und Terror hergestellt, die sich verbieten.

Wir können Menschen nicht zur Integration motivieren, wenn wir ihnen aufgrund ihrer Kleidung den Willen dazu absprechen und ihnen Hürden in den Weg stellen auf dem Weg integrierter Teil unserer Gesellschaft zu werden.


Beitragsbild: Claus Mikosch

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