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Die Welt und die Sensibilität

Ich bekam kürzlich ein Buch in die Hände, dessen Titel zunächst einmal nicht unmittelbar etwas mit diesen Gedanken zu tun hat: „Sind Sie hochsensibel“ von Elaine Aron. Ich habe das Buch zunächst aus einer Wahrnehmung persönlicher Betroffenheit gelesen, denn mich überfordert meine Wahrnehmung äußerer Reize – vor allem akkustischer und optischer Art – zuletzt immer intensiver.

Aron skizziert in Ihrem Buch, dass Systeme in frühen Zeiten stets vom Zusammenspiel zweier Charaktäre profitierten: „Die glücklichsten und am längsten währenden indogermanischen Reiche bestanden immer aus zwei unterschiedlichen Arten von Menschen. Beide zusammen garantierten eine erfolgreiche Regentschaft. Ich nenne diese beiden Gruppen die „kriegerischen Könige“ und „ihre priesterlichen Ratgeber“. “ Merlin sei ein Vertreter der letzteren Gruppe gewesen. Aron weiter: „Diese Gruppe ist nachdenklicher und darauf bedacht, die Beweggründe der kriegerischen Könige zu überprüfen. Da diese Ratgebenden of Recht behalten, werden sie als Anwälte, Historiker, Lehrer, Ausbilder und als Hüter der Gerechtigkeit respektiert.“

Man beachte, dass Aron im zweiten Satz nicht in der Vergangenheit spricht, sondern in der Gegenwartsform, denn sie will deutlich machen, dass es diese Menschen, eben jene mit insgesamt überdurchschnittlich ausgeprägte Sensibilität, immernoch gibt. In der Entwicklung bis heute habe sich aber das o.g. Zusammenspiel verschoben zugunsten derjenigen, die impulsiv und aggressiv das Geschehen lenken. Soll heissen: In Politik und Wirtschaft haben diejenigen das Ruder übernommen, denen es weniger um weise Entscheidungen und gerechtes, erfolgreiches Handeln geht als vielmehr um die Durchsetzung und Sicherung des eigenen Machtanspruches. Aron, die selber ein hochsensibler Mensch ist: „Wir haben abgedankt und die Dinge den Impulsiven und Aggressiven überlassen. Sie haben es geschafft, erst das Wettrennen um die politischen Ämter zu gewinnen und dann die Kontrolle über alles andere in die Hand zu nehmen.“

Warum bewegt mich das gerade jetzt so intensiv (abgesehen von der Tatsache, dass viele Hinweise in dem Buch auch darauf hindeuten, dass ich für mich eine Antwort bzgl. meiner Persönlichkeit gefunden haben könnte)?

Wenn ich heute auf Facebook die öffentliche Diskussion um das Flüchtlingsthema in Deutschland verfolge, wird mir angst und bange um dieses Land. Nicht, weil ich denke, dass diese hilflosen und traumatisierten Menschen eine Gefahr für unseren offenbar identitätsstiftenden Wohlstand sind. Vielmehr beunruhigt es mich, dass die Aggressiven, wieder lauter schreien. Zwar haben sie immer geschrien, aber ich bekomme das Gefühl, dass dieses Schreien immer gesellschaftsfähiger wird. Es gibt auch die sensible Gegenbewegung, die mit Argumenten und Nachweisen versucht, dagegen zu halten, aber Argumente haben auch vor 80 Jahren nicht geholfen, den politischen Ober-Gau zu verhindern.

Mich überwältigt meine gespürte Hilflosigkeit, meine Ratlosigkeit. Was kann man tun? Was läuft falsch? Wieso ist es für diese Menschen so wichtig, die Hilflosen zu malträtieren und sich dafür beliebig widerlegbarer Aussagen zu bedienen? Wieso erreicht diese Menschen der gesunde Menschenverstand nicht? Was ist eigentlich „gesund“? Für mich stellen diese Menschen, und mögen sie auch in großen Zahlen kommen, keinerlei Bedrohung dar. Platz und wirtschaftliche Kraft haben wir allemal, diesen Menschen zumindest für eine Zeit Schutz zu bieten. Ich leite aus meiner Geburt in diesem Land kein Recht ab, auf irgendeine Status zu bestehen, sondern eine Pflicht, diesen Status zum Besten für alle einzusetzen.

Wir haben die Sensibilität aufgegeben für Macht, Status, Wohlstand, Ruhm und Anerkennung. Wir gefallen uns so sehr in diesen Kriterien, dass wir beginnen, unsere menschliche Verantwortung für den Rest der Welt außerhalb willkürlich gezogener Staatsgrenzen zu vergessen. Am Ende unserer Tage helfen uns Macht, Status, … nicht weiter. Wir liegen dann alle in der gleichen feuchten Erde. Aber dort, wo wir menschlich helfend gewirkt haben, wird etwas zurück bleiben, das Früchte auch in die Zukunft trägt.

Vielleicht müsste ich einfach mal anfangen, das einfach hinaus zu schreien.
Links:

„Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen“ von Elaine N. Aron, mvg Verlag, ISBN 9-783636-062468 bei Amazon.de oder im Original bei Amazon.com

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