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Eine Frage an die Gesellschaft

Vor einigen Tagen berichtete die lokale Bonner Tageszeitung, die Stadt überlege, die Erlaubnis für Apothekenzulieferer, die Fußgängerzone in der Innenstadt mit Fahrzeugen zu befahren, einzuschränken. Nur zwei Tage später erschienen eine Reihe von Leserbriefen, unter denen sich auch der folgende fand:

Es ist gut, wenn die Stadt Bonn die Attraktivität der Fußgängerzone erhöhen möchte. Allerdings gibt es Dinge, die störender sind als die Lieferanten von Apotheken. Ich saß kürzlich eine halbe Stunde an einem Tisch eines Cafes in der Fußgängerzone. Ich wurde in dieser Zeit viermal von Schnorrern belästigt. Zwei dieser Herrschaften wollten mir eine Obdachlosenzeitung aufquatschen, von denen sie ein bis zwei zerknitterte Exemplare mit sich führten. Rund um das Bonner Loch wimmelt es von alkoholisierten oder unter sonstigen Drogen stehenden Personen, die die Passanten belästigen. In süddeutschen Städten gelingt es den Behörden, für Ordnung zu sorgen, in NRW scheint dies nicht möglich zu sein. 

Insbesondere an Freitag- oder Samstagnachmittagen kommt es häufig vor, dass rund um den Brunnen am Kaiserplatz ein Gelage von dubiosen Gestalten stattfindet, gegen das die Ordnungsbehörden leider nicht vorgehen. Neben der Verschmutzung der Umwelt durch Lärm hinterlassen diese Personen auch immer wieder Müll. In der Fußgängerzone gibt es zahlreiche rabiate Kampfradler, gegen die leider seitens der Stadt nichts unternommen wird. Wieso kann bei uns – anders als in unseren Nachbarländern – nicht endlich ein Vermummungsverbot durchgesetzt werden, das Burkas verbietet, von denen es in Bonn nur so wimmelt? An einem Laternenmast in der Sternstraße steht regelmäßig ein Salafist, der seine Propagandaschriften unter’s Volk bringt.

Petra Müller, Bonn

Zuerst war ich nur verwundert über die unverblühmte Art und Weise, verschiedene Gruppen von Menschen pauschal und gemeinsam abzuurteilen. Über all den erwähnten Personengruppen steht immerhin Frau Müllers Forderung, die Stadt möge für “Ordnung sorgen”. Was das bedeutet, lässt Frau Müller offen, aber der geneigte Leser kann es erahnen: Diese Menschen müssen aus der Innenstadt entfernt werden, damit die Dame in Ruhe ihren Kaffee genießen kann.

Mit einem Tag Abstand empfand ich diesen Leserbrief als sehr ärgerlich, zeigt er doch, wo wir mit unserem gesellschaftlichen Verständnis inzwischen angekommen sind. Dazu ist zu erläutern, dass ich vor einiger Zeit ein Gespräch mit einem Obdachlosen geführt habe, der mich um etwas Geld bat. Aus seinen kurzen Erzählungen konnte ich die Problematik seiner Situation erkennen. Er versuchte, sein Leben in den Griff zu bekommen, aber es fehlte ihm der richtige Ansatzpunkt, einen neuen Start zu versuchen – vor allem die Tatsache, dass es ihm unmöglich war, einen festen Wohnsitz zu bekommen, war (und ist) die Grundlage seiner Situation. Seitdem haben wir uns mehrfach getroffen und unser Gespräch fortgeführt. Wir trennen uns nie ohne dass ich ihm ein paar Euro mitgebe.

Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass “unser Freund”, so nannten meine Frau und ich ihn, bevor wir seinen Namen wussten, als Stereotyp für alle Obdachlosen taugt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob alle seiner Aussagen tatsächlich der Wahrheit entsprechen – aber das gleiche Problem habe ich häufig genug auch mit wohlsituierten Wohnungsinhabern. Es tut aber auch nichts zur Sache, denn die Grundproblematik ist bekannt und manifestiert sich für mich in dieser einen Person.

Natürlich ist es so, dass ein Obdachloser aufgrund seiner Lebenssituation kein ästhetischer Anblick ist. Daran gibt es nichts zu deuteln. Es dürfte auch klar sein, dass sich die meisten Menschen, dazu zähle ich mich auch, in einer optimalen Welt ausschließlich ästhetische Anblicke wünschen würden. Wenn wir aber soweit gehen, dann sollten wir uns über ganz andere Menschen Gedanken machen. Ich erinnere nur an die im Sommer um sich greifende Bauchfreiheit – ob man es sich nun leisten kann oder nicht – oder an Hosen, die bei vielen Herren das leider zu aufdringlich offenbaren, was sie eigentlich verhüllen sollen.

Wenn ich Frau Müllers Beitrag allerdings lese, so kommt in mir ein ganz anderer Verdacht hoch. Ich kann für mich sagen, dass der Anblick eines Obdachlosen, ob er nun eine Flasche Bier in der Hand am Bahnhof steht oder “unter Drogen” irgendwo herum sitzt, eine über die Zeit in mir generierte Unsicherheit hervorruft: Die Unsicherheit, das könnte auch ich sein. Wenn ich in meiner Vita zurückgehe, so finden sich diverse Punkte, an denen mein Leben einen Abzweig nahm, der mich dahin führte, wo ich heute bin. Gleichwohl bin ich mir (zugegebenermaßen inzwischen) bewusst, dass jeder Abzweig auch anders hätte verlaufen können. Ohne dass ich großen Einfluß hätte nehmen können, hätte mein Lebensweg in deutlich weniger privilegierte Spähren führen können. Genauso wenig Einfluß hatte ich übrigens auf den schließlich gegangenen, durchaus positiven Weg. Ich sehe also in “unserem Freund” meine andere Zukunft bzw. Gegenwart.

Mir ist dabei klar, dass die “Gesellschaft” (über diesen Begriff muss man sich in diesem Zusammenhang natürlich Gedanken machen) mir über die Zeit immer wieder Möglichkeiten eröffnet hat, meinen Weg zu gehen. Natürlich musste ich auch bereit sein, die Angebote dieser Gesellschaft anzunehmen und mit Leben zu füllen, im Kern aber mussten diese erst einmal verfügbar sein. Mir ist es heute daher wichtig, dafür zurückzugeben. Ich kann mich nicht nur als Mitglied eines Sozialverbandes fühlen, wenn er mir dient, sondern muss diesen auch bedienen, wenn und wie es mir möglich ist. Wenn ich es mir, liebe Frau Müller, also leisten kann, gemütlich an einem Nachmittag in einem Café zu sitzen und meinen 3 Euro 60 Kaffee zu trinken, dann sollte ich mir demütig klar machen, welches Glück ich eigentlich habe. Diese Demut bringt mich dazu, dieses Glück teilen zu wollen. Es bedarf dazu nicht viel.

Nur allzu gerne möchten wir uns derer entledigen, die “anders” sind; des Kampfradlers, der Burkaträgerin, des öffentlich Biertrinkenden, des Obdachlosen. Nur viel zu selten machen wir uns aber Gedanken darüber, dass diese Menschen Teil unserer Gesellschaft sind. Für viele Obdachlose kann man sogar sagen, dass unsere Gesellschaft diese Menschen erst dahin gebracht hat, wo sie sind. Wir haben daher Verantwortung füreinander. Der gleiche Respekt, den sich Frau Müller während ihrer Kaffeepause wünscht, könnte (ja müsste) sie den Menschen entgegenbringen, die sie in ihrem Brief abkanzelt. Es mag nicht ihrem Lebenskonzept entsprechen, tagsüber Alkohol trinkend am Bahnhof zu stehen – und es entspricht auch nicht meinem -, aber was berechtigt sie dazu, sich deswegen über die Lebensführung anderer zu stellen?

Es hat mich selber eine lange Zeit gebraucht zu diesen Einsichten zu kommen. “Leben und leben lassen” beschreibt es sehr passend, fiel aber auch mir schwer in meinem Leben zu implementieren. Aber es lebt sich besser so. Entspannter. Wenn ich “unseren Freund” frage, wie es ihm geht und er ein wenig erzählen kann, dann lächelt er schon, bevor ich ihm drei oder vier Euro in die Hand drücke, auch wenn sein Leben wenig Raum zum Lächeln gibt. Das ist für uns beide ein kleines Geschenk.

Ich hatte einige Gedanken dazu in einem Leserbrief an die Lokalzeitung geschrieben. Nach über einer Woche hat die Zeitung diesen noch nicht veröffentlicht. Schade eigentlich.

Featured image: awrangler / 123RF Stockfoto

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