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Haben oder Sein (E. Fromm, 1976)

Ich musste mir beim Lesen dieses Buches stets vor Augen halten, dass Erich Fromm bereits vor fast 40 Jahren diese Gedanken zusammen gefasst hat. Jeder einzelne wirkt noch heute aktuell, ich bin sogar geneigt zu sagen, aktueller denn je.

Im Kern stellt Fromm zwei Lebenskonzepte, er nennt sie Existenzweisen, gegenüber.

Das Konzept des Habens ist in seiner Interpretation der Drang und Zwang nach Besitz im materiellen und immateriellen Sinne. So geht es nicht nur darum, Auto, Boot oder Stereoanlage haben zu müssen, sondern auch Menschen besitzen und auf sie Einfluss nehmen zu wollen, Macht haben zu müssen. Für Fromm liegt in diesem Konzept die Degeneration des Menschen zu einem enthumanisierten Wesen. Es zähle nur die Jagd nach Macht, Wohlstand, Besitz. Der Mensch ordne sich diesem Streben so sehr unter, dass er sich dadurch dem Zwang ergebe, all dies erreichen und behalten zu müssen. Sein ganzes Menschsein definiere sich nur durch sein Haben und so versklave sich der Mensch in seiner Existenz selber. Als Ursache macht Fromm die Industrialisierung und der Ausbeutung der Menschen in der industrialisierten Gesellschaft aus.

Gegen das entmenschlichte Haben stellt Fromm das erstrebenswertere Sein. In dieser Existenz strebe der Mensch nach Erfüllung und Erkenntnis, nach Wahrheit und Glück. Sein Ziel sei seine eigene Entwicklung und damit auch die Entwicklung des Nächsten. Nicht Machtstreben stehe im Vordergrund, sondern Teilen und Unterstützen. Die zentralisierten Industriekonzerne und deren zentralisierte Macht seien aufgelöst. Leistungen würden in kleinen Gruppen vor Ort erbracht und ggf. aus der Region eingekauft. Da die Konzerne keine Macht mehr auf den Menschen hätten, sei auch ihr Einfluss auf die Entscheidungsträger verschwunden. In einer reformierten Politik könne sich „echte“ und unbeeinflusste Demokratie entwickeln. Der Mensch stehe wieder im Mittelpunkt und nicht Profit und Macht.

In der Zusammenfassung liest sich das vielleicht naiv, aber auch dafür liefert Fromm eine Gegendarstellung. Das Modell des Seins sei nur erreichbar über grundlegende Veränderungen, die die Menschen in Summe wollen müssten, weil sie verstünden, dass die ewige Hatz nach dem Haben auf Dauer keine Zukunft bietet: „Unendliches Wachstum passt nicht in eine endliche Welt“. Gleichzeitig macht Fromm klar, dass nur die Existenz im Haben überhaupt dafür sorgt, dass es Hass, Unterdrückung, Kriege und die Menschheit vernichtende Waffen gibt. Auch hier hat sich der Mensch zum Sklaven seines eigenen Strebens gemacht. Wir alle leben mit Angst im Schatten von Vernichtungswaffen, deren Potential wir nicht einmal erahnen können.

Fast schon visionär gibt sich Fromm bei den Gedanken an die Zukunft. Ihm ist klar, dass auch Länder, die zu den sog. Entwicklungsländern gehören, an dem industriellen Haben teilhaben wollen würden, weil sie, genau sowenig wie die Industriestaaten verstehen könnten, dass damit kein Glück zu erreichen sei. Was sie aber über die freiwillige Zuwendung seitens der Industriestaaten nicht bekämen, würden sie versuchen, sich mit Gewalt und Terror zu holen.

Im letzten Kapitel skizziert Fromm, wie sich die Menschen und die Gesellschaft verändern müssten, damit eine Gesellschaft des Seins funktionieren kann. Ich lächle bei vielen Punkten und muss einsehen, dass ich zu denen gehöre, die kapituliert haben und nicht daran glauben, dass es überhaupt eine Macht gibt, die den gegenwärtigen korrupten und manipulierenden Strukturen in Wirtschaft und Politik Paroli bieten können. Jeder Mensch weiss, dass unsere Konsum-fixierte Gesellschaft (und die Welt im Sinne der natur überhaupt) schneller auf den Abgrund zusteuert, als uns lieb sein kann. Wir alle sind uns klar, dass der Vernichtung unseres Planeten nicht mehr aufzuhalten ist, auch wenn wir diese Hoffnung mit jeder neuen „Klimakonferenz“ verbinden. Aber weil nicht das Interesse der Erde und das der Menschen, die auf ihr leben, im Vordergrund steht, sondern das Überleben der Industriemächte und ihrer mächtigen Konzerne, wird auch in Zukunft nichts passieren.

Fromm postuliert den Aufstand der Menschen, den Aufstand der Anständigen. Er fordert Konsumungehorsam seitens der Menschen, um ihre Macht gegenüber den enthumanisierten Konzernen zu beweisen. Er hatte die Hoffnung vermutlich nicht aufgegeben, als er 1980 starb. Er konte aber vermutlich auch nicht ahnen, dass die Silberstreifen, die er am Horizont ausmachte, verpuffen würden. Fromm wusste nicht, dass sein Appell auch nach 40 Jahren noch dringender gehört werden müsste, als schon zu seiner Zeit. Was bedarf es noch als die Erkenntnis, dass der Mensch seine eigene Existenz gefährdet, um einen anderen Weg zu gehen?

Literatur: Erich Fromm, Haben oder Sein, dtv-Verlag 1976, ISBN 9-783423-342346

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