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Habgier und Neid

Es gibt weitläufig die Meinung, dass kriegerische Auseinandersetzungen dann ein Ende finden würden, wenn man Besitz und damit ein gewisses Wohlstandsniveau auf alle Menschen gleichmäßig verteile, keiner mehr oder weniger hätte als der andere. So charmant diese Sichtweise ist, so sehr läßt sie wesentliche Elemente außer Acht.

Der Mensch kann nicht zufrieden sein

Es ist, denke ich, über Gebühr optimistisch zu denken, dass alle Menschen an einem bestimmten Punkt zufrieden sein würden. „Zufrieden“ würde bedeuten, dass die Bedürfnisse gesättigt sind, mithin weiterer Konsum nicht notwendig. Wir haben uns als Gesellschaft jedoch in unserem Denken und Fühlen völlig abhängig von einer „Wirtschaft“ gemacht, die ein anderes Bild von unseren Bedürfnissen hat.

Die Wirtschaft lehrt uns, dass sie fortwährend wachsen muss. Nach außen hin argumentiert man, nur steter Wachstum könnte auch stetig zunehmenden Wohlstand sicherstellen. Dass diese Argumentation nur für einige wenige gilt, wissen wir alle. Daher bedient steter Wachstum vor allem das Streben der Industrie nach mehr Profit, mehr Macht und Einfluss und schlußendlich mehr Geld. Das Wohl der breiten Bevölkerung spielt in dieser Sicht keine Rolle.

Um aber das notwendige Wachstum sicherzustellen, muss die Wirtschaft dafür sorgen, dass die Menschen sich unvollständig fühlen und in ihren Bedürfnissen unbefriedigt. Daher ist sie bemüht, permanent neue Produkte auf immer neue Märkte zu werfen. Sie hat es sogar geschafft, mit neuen Produktgruppen Bedürfnisse zu generieren, die zuvor nicht einmal existiert haben. Mit jedem neuen Bedürfnis entsteht zusätzliche Abhängigkeit der Menschen von Konsum. So führt uns die Wirtschaft am Nasenring durch die Manege und wir trotten willenlos hinterher.

Es wird nie ein nachhaltiges Gleichgewicht geben

Die These oben setzt voraus, dass, wie auch immer, ein Gleichgewicht im „Wohlstand“ für alle Menschen zu erreichen wäre. Selbst unter der Annahme, dass dieses logistisch in irgendeiner Form zu erreichen wäre, ist klar, dass dieser Zustand bestenfalls eine Momentaufnahme sein könnte. Es wird immer Menschen geben, die nach mehr streben. Das nennen wir Habgier. Wenn nur ein klein wenig mehr ausreicht, sich über den anderen zu stellen, wird diese Gier umso größer werden.

Weil aber die Industrie weiss, dass es diese Gier gibt und sie daraus Profit schlagen kann, wird sie alles daran setzen, diese Gier zu befriedigen. Hat aber der eine mehr, so entwickelt sich bei anderen gleichfalls der Wunsch nach mehr. Das nennen wir Neid. Beide, Gier und Neid, sind keine angeborenen Verhaltensweisen. Sie sind uns von unserer Konkurrenz- und Wachstumsgesellschaft übergestülpt. Das äußerst fragile Konstrukt des Gleichgewichtes müsste kurzfristig an beiden zerbrechen.

Jeder hat andere Bedürfnisse

Was genau wollen wir eigentlich sozial verteilen? Geht man von den heute geltenden Grundwerten der westlichen Gesellschaften aus, so müsste man quantifizierbaren materiellen Besitz als Grundlage nehmen. Andere Gesellschaften haben aber bereits erkannt oder sind – zu ihrem Glück – noch in dem Bewusstsein, dass materieller Besitz kein Glück und keine dauerhafte Befriedigung der Bedürfnisse begründet.

Schon hier stößt eine „Gleichverteilung“ an ihre realistischen Grenzen. Zwar könnten wir den Lehren der Wirtschaftswissenschaften folgen und alles Materielle und Immaterielle mit Preisen belegen, aber auch das würde uns in Probleme stürzen und an Grenzen bringen.

Man muss insbesondere berücksichtigen, dass Kriege heute häufig nichts mit Besitzstreben zu tun haben. Vielmehr versuchen Menschen damit ihre eigene persönliche Machtstellung zu beweisen bzw. zu begründen oder ihr narzistisches Wesen auszuleben. Es ist ihnen lediglich an sich selber gelegen und daran, sich und der Welt die eigenen Fähigkeiten oder den eigenen Selbstwert vor Augen zu führen.
Jeder wird heute als Träumer empfunden, der sich dem Wunsch weltweiten dauerhaften Friedens widmet. Es scheint in den Genen der Menschen zu liegen, die eigenen Interessen zur Not gewaltsam durchzusetzen und einzufordern. Dass dem nicht grundsätzlich so ist, zeigt eine zunehmende Anzahl von Menschen, die der Kriege müde sind und über die Grundlagen für friedliches Zusammenleben auf diesem – doch sehr begrenzt großen – Planeten nachdenken.

Ich persönlich erkenne allmählich, dass ein erster Ansatz wäre, sich von der „Wirtschaft“ als treibendem, als definierendem Faktor unseres Lebens zu verabschieden. Wenn nicht mehr die wirtschaftlichen Möglichkeiten eines Menschen, sondern seine inneren Werte im Vordergrund stehen, wenn Lebensglück nicht mehr von Besitztümern, sondern von der Erfüllung durch die Aufgaben des Alltags definiert werden, haben wir die Schalthebel für unser Glück wieder in der Hand und werden nicht von anonymen Industrien ferngesteuert.

E.F. Schumacher führt in seinem Buch „Small is beautiful“ aus, dass unser wirtschaftliches Denken nur die Frage beantworten könne, ob Handeln „wirtschaftlich“ oder „unwirtschaftlich“ sei. Ob dieses Urteil aber zwingend eine vernünftige Grundlage für praktisches Handeln sei, werde dadurch nicht beantwortet. Er zeigt weiter auf, dass die Wirtschaftsleitung, z.B. anhand des Bruttosozialproduktes, lediglich als festgestelltwer Wert angegeben werde, aber niemand hinterfrage, ob mehr Wachstum gut oder schlecht sei, dass niemand frage, ob ein Mehr an Wachstum u.a. ein Mehr an unwiderbringlicher Zerstörung oder ein Weniger an Gesundheit mit sich bringe.

Wir überlassen die Bewertung unseres Lebens einem System, dass heute niemand wirklich mehr durchschaut. Insofern sollte uns die Wirtschaftskrise rund um das Jahr 2008 eigentlich zwei Dinge gelehrt haben. Zum einen sind die von klugen Wirtschaftswissenschaftlern geschaffenen Systeme inzwischen so unüberschaubar geworden, dass niemand wirklich in der Lage ist, Auswirkungen verlässlich vorher zu sagen. Auf der anderen Seite sind wir hoffnungs- und hilflos in diesen Systemen gefangen, ohne auch nur den Hauch einer Chance, Einfluss zu nehmen. Die Alterssicherung, ja die Existenzen von Millionen Menschen wurden spurlos vernichtet, ohne dass wir verstanden hätten, warum.

Und dieses System füttern wir jeden Tag indem wir uns verführen lassen, über unseren eigentlich zum Leben notwendigen Bedarf hinaus Konsum zu betreiben. Der Konsum wird zur Sucht und auch da wissen wir manchmal nicht mehr, warum. Wir geben Unmengen von Geld aus, das wir nicht haben, um Besitz anzuhäufen, der uns nur kurzfristig glücklich macht und anschließend zum Ballast wird. Wir füttern ein System, dass uns unglücklich macht.

Wenn wir aus diesem System aussteigen können, wenn wir diese Abhängigkeit abschütteln können, wenn wir es schaffen, die Wirtschaft auf ein Niveau zurück zu drängen, auf dem sie wieder dem Menschen dient, dann besteht aus meiner Sicht auch die Chance, in Zusammenleben zu finden, in dem Krieg keine Notwendigkeit hat. Solange aber unsere permanente uns aufdoktrinierte Unzufriedenheit narzistischen „Führern“ die rechte Basis schafft, werden wir weit davon entfernt bleiben.

 

Literatur: Schumacher, Ernst Friedrich Small is beautiful – Die Rückkehr zum menschlichen Maß, Rowohlt Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg, 1977

 

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