Blog

Ich bezahle Steuern

Es gibt in meiner kleinen Welt kaum einen erwartungsloseren (und freundlich gesagt: dümmeren) Satzbeginn als „Ich bezahle schließlich Steuern, daher …“. Was danach folgt ist in den meisten Fällen heftiger Blödsinn und Ausdruck einer für mich nicht mehr nachvollziehbaren Konsumentenhaltung. Steuern hin oder her. Zuletzt gab es im Bonner Generalanzeiger eine Diskussion über die Qualität des (privatisierten) öffentlichen Personennahverkehrs. In einem Leserbrief schrieb tatsächlich jemand, er bezahle schließlich Steuern und könne dafür auch erwarten, dass Busse und Bahnen pünktlich abfahren. Es geht nur noch eine Stufe dümmer: Ich bezahle Steuern, deswegen kann ich auch erwarten, dass im Sommer die Sonne scheint. 

Es ist schon bemerkenswert, dass es in unserem Land offensichtlich so ist, dass man sich zurücklehnen, sich aus jeder sozialen Verantwortung abmelden kann, wenn man das möchte, um stattdessen den Staat vorzuschieben. Dabei muss man zur Not auch einmal damit leben, dass Privatbetriebe bequemerweise zu „Staat“ gezählt werden (zuviel Differenzierung, schadet der klaren Argumentationslinie). Was ich daran schwierig finde ist, dass Leute mit dieser Geisteshaltung meinen, sich durch ihre gesellschaftlichen Pflichtabgaben von ihren gesellschaftlichen Pflichten freigekauft zu haben. 

Das Ergebnis kann jeder sehen, der um sich schaut: Da sind kleine Grünflächen verwildert, Hecken wuchern vor sich hin, achtlos weggeworfener Müll liegt auf den Straßen und in den Parks herum, Fußgängerwege gleichen biologischen Lehrpfaden und alte Fernseher, Kühlschränke, Matratzen finden ihre letzte Ruhestätte am Rande der Straßen – kein Problem: Ich bezahl ja Steuern, also wird das schon jemand erledigen. Es stellt sich aber immer mehr heraus, dass sich die Dinge nicht erledigen. 

Da macht man dann tagelang einen Bogen um die gleiche alte Zeitung oder den Scherbenhaufen auf dem Bürgersteig und fragt sich tatsächlich, ob die Stadtreinigung dieses Zeug nicht endlich einmal wegräumen kann. Im Winter fluchen wir dann unisono über den Winterdienst, der es trotz unserer großzügigen monatlichen Abgabe nicht schafft, alle Straßen der Stadt auf einen Schlag schnee-frei zu bekommen – während wir vor unseren Wohnhäusern die weiße Pracht mit gleicher Selbstverständlichkeit „heute mal“ liegen lassen. 

Ich frage mich, ob es wirklich so schwer ist, dass jeder einfach selber Initiative ergreift. Die jährlichen Mitmach-Aktionen nach dem Motto „Unser Dorf soll sauber werden“ sind da eine gute Sache und in der Regel auch nicht schlecht besucht. Aber sie finden eben nur punktuell statt. Ich denke, dass uns allen noch mehr geholfen wäre, wenn jeder ein wenig mehr aus seiner Steuerzahlerbox heraus käme und im Kleinen und vielleicht auch im Großen mit anpackt, wo es nötig ist. Was ist daran so schwierig? Ist es den Menschen peinlich oder sind sie einfach faul?

Uns fehlt vermutlich eine wichtige Erkenntnis: Wenn wir nach dem Staat rufen, dann rufen wir nach uns, denn der Staat sind immer noch wir, jeder einzelne von uns. Das All-Inclusiv-Lebenspaket gibt es nicht – auch nicht gegen Steuern. Die gesellschaftlichen Verpflichtungen hören nicht an der eigenen Haustür oder der Grundstückgrenze auf. Öffentliche Flächen sind unsere Flächen und auch für diese haben wir eine Verantwortung wahrzunehmen. 

In mir reift eine Idee, die ich in der nächsten Zeit noch ein wenig strukturieren werde und dann hier vorstelle. 

Featured image: 123rf.com/profile_michaeljung 

Sag mir Deine Meinung...

Post Navigation