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„Ich wär‘ so gerne Millionär“ – Warum eigentlich?

Es ist schon einige Jahre her, genauer gesagt im Jahr 1991, als die Gruppe „Die Prinzen“ den Schlager „Ich wär‘ so gerne Millionär“ in die Charts brachte und damit vermutlich sehr vielen Menschen aus der Seele sprach. Was wäre nicht alles möglich mit Millionen von Euro, die das eigene Konto füllen? Die ultimative Freiheit.

Man wird ja mal träumen dürfen

Ich oute mich als jemand, der in seinem Leben diesen Traum mehr als einmal geträumt hat. Erfolglos, wie ich vermutlich nicht hinzufügen muss. Immer, wenn die Werbetafeln an den Lottoannahmestellen zweistellige Millionengewinne versprechen, erscheint der Einsatz von 20 Euro für das „große Glück“ geradezu lächerlich. Dann bin ich auch schonmal dabei. Aber warum eigentlich? Was treibt mich dazu? Welches vermeintliche Versprechen erzeugt diese Hoffnung in mir?

Vermutlich kennen Sie auch diese Träume, was Sie mit – sagen wir – 20 Millionen Euro nicht alles anfangen könnten. Ich könnte mir eine ganze Serie von Sportwagen kaufen und würde es nicht einmal großartig auf dem Konto merken. Eine große Villa würde ich mir kaufen, irgendwo im Grünen. Oder besser noch: Selber bauen. Dann bin ich nicht auf das angewiesen, was ein anderer geld-starrer Schnösel als schick und sinnvoll empfunden hat. Ich könnte endlich reisen, soviel, solange und wohin ich wollte. Eine gefühlte Ewigkeit auf einer einsamen Insel mit herrlichem Sandstrand! Jeden Tag Sonne und Cocktails.

Rechnen Sie mal nach: Wenn ich aus meinem unendlichen Urlaub zurück in meine Villa komme und einen meiner Luxus-Renner liebevoll poliere, wäre immernoch genug Geld da, das Ganze genauso noch einmal zu machen. Die Möglichkeiten wären geradezu endlos und niemand könnte mir reinreden. Ich wäre sorglos.

Sorglos oder nicht?

Allerdings: Genau genommen bin ich überzeugt davon, dass ein gutes und sinnvolles Auto maximal fünfzehn bis zwanzigtausend Euro kosten darf. Alles andere ist völlig überbezahlter Luxus, der im Grunde nur dem Hersteller die Gewinnmarge aufbläst. Es wäre für mich auch nicht denkbar, mehr Geld für einen leistungsstärkeren Wagen auszugeben, der dann ein Vielfaches an Brennstoff verschlingt, während ich neben den „vernünftigen“ Kraftfahrzeugen durch die Staus rolle.

Die große Villa wäre, wenn ich irgendwann den Ärger mit den Baufirmen gesundheitlich heile überstanden hätte, ein massiver Staubfänger. Wer sollte das alles sauber halten? Natürlich könnte ich mir einen (oder mehrere) Angestellte leisten, die mir mein Haus in Schuss hielten. Aber würde ich mich dadurch in den vielen Räumen tatsächlich weniger verloren fühlen? Würde nicht das große Haus hauptsächlich ungenutzt herumstehen, während ich mit der Gattin nur den kleinsten Teil wirklich nutzen kann (und will)? Bräuchte ich tatsächlich soviel mehr Raum als heute?

Die Sache mit dem Urlaub klärt sich für mich noch am schnellsten: Ich interessiere mich überhaupt nicht für die ganze Welt, schon gar keine einsame Insel. Was soll ich in Fernost, wenn ich da gar nicht hin will? Wieso muss ich das Geld für Südamerika ausgeben, wenn ich keine Ahnung habe, was ich da soll? Bei den paar Plätzen, die mich in der Welt wirklich reizen, müsste ich schon das ganze Jahr unterwegs sein, um überhaupt ein wenig Geld zu verbrauchen. Ich will aber gar nicht dauernd unterwegs sein. Ich bin doch so gerne zuhause. Und überhaupt: Wer würde sich denn um die Villa und die Garage kümmern, wenn ich nur unterwegs bin?

Die Suche nach dem Glück

Geld verspricht Glück, Geldmassen versprechen Seeligkeit. Aber das ist ein Trugschluss. Natürlich erledigen sich kurzfristig einige Sorgen von heute. Das gilt zumindest für jene, die sich mit Geld erledigen lassen. Aber ist der Kick an meinen Träumen nicht eben, dass sie sich i.d.R. nicht einfach so erfüllen lassen. Welchen Wert hätte noch ein Traum, wenn seine Realisierung nur eine Frage des Griffes in den Geldbeutel wäre?

Was ist mit mir: Wäre ich überhaupt in der Lage, die neue Situation genießen zu können? Mein Verhältnis zu Geld ist seit meinen Kindertagen angespannt. Als meine Eltern sich trennten, worauf meine Mutter ihren Job verlor, lebten wir eine ganze Zeit lang von Sozialhilfe. Als ich dann meinen freiwilligen Dienst in der Bundeswehr begann und später als ich berufstätig war, konnte ich mein Konto viele Jahre kaum im schwarzen Bereich führen. Kredite waren lange Zeit meine treusten Begleiter. Wäre ich mit einer solchen Vorgeschichte überhaupt in der Lage, plötzlichen Reichtum zu verarbeiten?

Wir wollen dahin, wo wir uns auskennen

Es gibt in der Psychologie Theorien, die beschreiben, dass jeder Mensch geprägt durch seine Lebenserfahrung bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen hat bzw. ausbildet – ob er nun will oder nicht. Je länger wir uns in einer Lebenssituation befinden, z.B. ein Leben in Armut, desto „sicherer“ fühlen wir uns in dieser Lage. Wir fühlen uns nicht „wohl“, weil wir sehr wohl gerne anders leben würden, aber wir kennen uns aus im täglichen Kampf. Wir haben Bewältigungsmechnismen (Coping) entwickelt, um mit unseren Sorgen und unserem Unterlegenheitsgefühl umzugehen. Unser soziales Umfeld hat sich entsprechend etabliert. Auch wenn es nicht ist, was wir wollen: Hier sind wir, hier kennen wir uns aus und hier sind wir sicher. Rainer Tschechne beschreibt die Mechanismen leicht verständlich.

Ein Lottogewinn – um beim Beispiel zu bleiben – brächte diese Welt durcheinander. Meine Coping-Mechanismen würden nicht mehr greifen. Ich hätten keine Antworten mehr auf viele Fragen, die sich plötzlich stellen und die es vorher nie gegeben hat. Gerald Hüther beschreibt in seinem Buch Die Biologie der Angst, dass Angst das Ergebnis fehlender Coping-Optionen ist. Die neue Situation erzeugt also Angst. Je etablierter meine Lebenssituation vor dem Unfall mit den Millionen war, desto größer werden meine Probleme. Je größer meine Angst, desto skuriler werden meine Strategien, mit ihnen umzugehen. In diesem Moment vertraue ich auch den objektiv betrachtet windigsten Geldsicherungstipps. Ich versuche meine Coping-Optionen auszubauen.

Schauen wir in die Geschichte des Lottos finden sich viele gescheiterte Millionäre. Jeder, der diese Geschichten liest, wird denken „Das könnte mir nicht passieren.“ Dennoch ist die Chance groß, dass viele von uns in ähnlicher Art und Weise scheitern würden. Das ahnend stellt sich die Frage, ob ich wirklich diesen Lottotraum weiterleben will.

Mein Lottotraum

Auch wenn ich viel Geld hätte, würde der Herbst dem Sommer folgen, würden die Tage erst im Frühjahr wieder länger werden. Ich würde weiterhin am liebsten unseren etwas zerkratzten Fabia in der Garage parken, weil ich weiss, dass er Charakter hat (und dass er in die Garage passt). Und ich würde weiterhin am liebsten in unser jetziges Zuhause zurückkehren, weil ich weiss, dass ich dort sicher bin.

Ja, ich würde diesen Lottotraum weiterträumen. Aber ich würde immer hoffen, dass er ein Traum bleibt.

 

Literatur:

Hüther, Gerald: Die Biologie der Angst: Wie aus Stress Gefühle werden, Göttingen, 2012

Tschechne, Rainer: Die Angst vor dem Glück: Oder warum ich mir selbst im Weg stehe, München, 2003

 

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