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Leserbrief: Warum Wachstumsdenken kein Maßstab ist

Es wird seit langer Zeit diskutiert, ob es für den Flughafen Köln/Bonn ein Nachtflugverbot geben sollte, da nachts startende Flugzeuge stets direkt über dichte Wohngebiete abheben. Heute erscheint dazu folgender Leserbrief im Generalanzeiger Bonn. Meine Gedanken dazu habe ich ebenfalls in einem Brief zusammengefasst.

Dabei habe ich mit Rücksicht auf die Länge des Briefes auf die Diskussion einiger Aspekte verzichtet, die ich hier unterhalb meines eigentlichen Leserbriefes noch anbringen möchte.

Zum Artikel „Ein Jahr warten auf die Antwort – Das Landesverkehrsministerium sieht keine Möglichkeiten für ein Passagier-Nachtflugverbot am Flughafen Köln/Bonn“ vom 12. November

Kein Passagier-Nachtflugverbot am Flughafen Köln/ Bonn: Das ist eine gute Nachricht, denn eine egoistische Minderheit von Fluglärmgegnern versucht seit Jahren, dem größten Arbeitsplatzbeschaffer und Jobmotor der gesamten Region seine Basis, nämlich die Nachtfluggenehmigung, zu entziehen und Arbeitsplätze zu vernichten.

Wenn das ordnungspolitisch tadellos zustande gekommene Gesetz der Nachtflugregelung in Köln/Bonn von Ewiggestrigen ständig angezweifelt wird, könnten auch Rechtsstaat und Demokratie schnell beliebig werden und das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen verloren gehen. Was leider in der Gedankenwelt der Lärmschutzfanatiker noch keinen Einlass gefunden hat, ist, dass der Flughafen Köln/Bonn 35 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in der gesamten Region sicherstellt, Wohlstand garantiert und unserer Jugend eine fundierte arbeitsmarktpolitische Perspektive und ein vertrauensbildendes Fundament zur Gestaltung ihrer Zukunft bietet.

Jeder Kritiker muss wissen: Deutschland steht in einem globalen Wettbewerb mit dem Rest der Welt, jeder Arbeitsplatz zählt, die Mechanismen der Weltökonomie dulden keinen Stillstand, es geht um Wettbewerb und Schnelligkeit, um Fortschritt und Innovation, um Globalisierung und Kapital. Es geht letztendlich um die Grundlage unseres Wohlstandes: um Arbeitsplätze.

Diese Fundamente einer modernen und fortschrittlichen Welt sind durch nichts und niemandem mehr aufzuhalten und haben allerhöchste Priorität vor individuellen Befindlichkeiten: hier zählt nur das Ganze, gerade jetzt, wo der Flughafen Köln/Bonn endlich auch wieder attraktive Interkontinentalverbindungen in die ganze Welt anbietet.

Alexander Thomas, Bonn

Ohne mich als Unbetroffener in die inhaltliche Diskussion um die Frage des Nachflugverbotes am Flughafen Köln/Bonn einzumischen, denke ich doch, dass der Leserbrief von Herrn Alexander Thomas eines Kommentars bedarf.

Herr Thomas legt dar, dass das Nachtflugverbot allein der wirtschaftlichen Interessen halber „höchste Priorität“ habe und das diesen „individuelle Empfindlichkeiten“ unterzuordnen seien. Abgesehen davon, dass Nachweise der wirtschaftlichen Abhängigkeit fehlen, repräsentiert er damit genau das Denken, dass uns als Gesellschaft schrittweise an den Rand unserer Existenz führt. Nicht nur ordnen wir die Gesundheit anderer Menschen dem ewigen Mantra des „Wachstums“ unter. Gleiches machen wir beliebig mit der unwiderbringlichen Lebensgrundlage aller Menschen, der Natur.

Das abstrakte Wachstumsdenken bekommt eine Bedeutung zugeordnet, die es schlichtweg nicht verdient. Einerseits ist nicht der Mensch der Wirtschaft verpflichtet, sondern die Wirtschaft dem Menschen. Andererseits sagen bereits Kritiker in den 70er Jahren, dass unendliches Wachstum in einer endlichen Welt schlichtweg unmöglich sei. Dennoch hält Herr Thomas „die Fundamente (!) einer modernen (?) und fortschrittlichen (?) Welt“ für unaufhaltbar, ohne sich inhaltlich diesen Begriffen wirklich zu widmen. Seiner Ansicht nach habe alles nur einem zu dienen: dem (finanziellen!) Wohlstand.

Aber das geistige Konstrukt eines „Wohlstandes“ ist ein Trugbild, das uns die Wirtschaft in den Kopf gesetzt hat. Selbst Herr Thomas sollte feststellen, dass Wohlstand generell keine Allgemeingröße ist, sondern lediglich einigen wenigen zugute kommt, vor allem jenen in der Wirtschaft, die uns klarmachen wollen, dass ausgerechnet sie den Wohlstand für uns (alle) sicherstellen. Aber was haben wir von all dem Wohlstand, wenn wir nicht mehr schlafen, wenn wir anschließend unseren Tag nur noch mühsam bewältigen können? Was bringt uns das Wachstum, wenn wir seine Opfer sind? (Ich nehme allerdings an, dass auch Herr Thomas hier unbeteiligt ist und mithin das „Opfer“ für sich nicht in Anspruch nehmen kann)

E.F. Schumacher schreibt in seinem sehr erhellenden Buch „Small is beautiful“, dass Wirtschaftswissenschftler heute lediglich feststellen, wie groß der Wachstum ausfällt, sich aber nicht die Frage stellten, ob dieser gut oder schlecht sei. Wir sind heute kaum in der Lage den gesamtheitlichen Preis für Wachstum zu definieren. „Die Vorstellung, dass es sich um krankhaftes Wachstum handeln könnte, um ungesundes, zerstörerisches und schädliches Wachstum“ sei eine „widernatürliche Vorstellung“, der die Wirtschaft nicht nachgehen dürfe, erläutert Schumacher.

Für einen Herrn Thomas mag das „weltfremd“ und „naiv“ klingen. Das ist in Ordnung. Es ist aber bemerkenswert, dass sich die großen Denker nie mit der Frage beschäftigt haben, wie wir noch reicher werden können, sondern stets mit der Frage, wie es möglich ist, Mensch und Natur wieder in den Fokus unseres Handels zu rücken, auch wenn das bedeutet finanziellen Wohlstand zu opfern. Es wird Zeit, dass wir der Wirtschaft und dem ungezügelten Wirtschaftlichkeitsdenken wieder den Platz zuordnen, der ihr gebührt.


Es ist ein Frechheit, Menschen, die nachts nicht friedlich schlafen können, als „egoistisch“ zu bezeichnen und ihnen zu unterstellen, sie hätten lediglich im Interesse, dem Flughafen als Wirtschaftsstandort zu schaden. Die Leute wollen einfach schlafen.

Ich halte es zudem für sehr gewagt eine Handvoll nächtlicher Passgierflüge, die in der Regel dem Transport von Urlaubern dienen, als existenznotwendig für den Flughafen zu bezeichnen. Wäre der Flughafen wirklich derart von diesen Flügan abhängig, hätte man dort ganz wesentliche Probleme.

Inwiefern sich die Urlaubsflüge einiger derart auf die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes auswirken soll, erklärt Herr Thomas ebenfalls nicht. Dieser Leserbrief erscheint mir vielmehr ein Rundumschlag eines blinden Kapitalismustreuen zu sein, der keinerlei Kritik an seinem geliebten System dulden kann. Dass er das allerdings auf dem Rücken seiner Mitmenschen austragen will, die er zu diesem Zweck diskreditiert, macht den Leserbrief schreiben als ernsthaften Gesprächspartner unglaubwürdig.

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