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#NoFacebook – ein Selbstversuch

In regelmäßigen Abständen habe ich von Menschen gehört, die sich entschieden haben, ihre Aktivitäten in den sozialen Medien, insbesondere auf Facebook, einzuschränken oder gar aufzugeben. Da spielen im Detail sehr unterschiedliche Gründe eine Rolle, aber im Kern klangen stets entweder eine Überforderung durch die Informationsmassen oder schlichtweg eine Müdigkeit in der Benutzung heraus.

Interessiert mich wirklich, was andere interessiert?

Wenn wir der Philosophie der sozialen Medien folgen, dann wollen sie uns helfen, zu jedem Zeitpunkt genau die Informationen zur Verfügung zu haben, die uns potentiell interessieren bzw. die wir aktuell benötigen. Sie alle setzen auf das „Buddy“-Prinzip, also die Erkenntnis, dass Menschen heute mehr Wert auf die Meinung einer vertrauten Person legen als auf Expertenmeinungen oder gar Werbung. Die Theorie ist also, dass in den Meinungsäußerungen meiner „Freunde“ irgendwo das stecken müsste, was für mich wichtig und interessant ist.

Wer lange genug einen aktiven Facebook-Account hat, weiss, dass das graue Theorie ist. Der Strom an Informationen aus vielen verschiedenen Richtungen ist kaum zu bewältigen und geistig zu erfassen. Wenn ich mich mit jedem Post aus meinem „Freunde“-Umfeld beschäftige, könnte ich damit problemlos einen ganzen Tag füllen, aber auch dann reißt der Fluss an neuen Posts nicht ab. Auch meine strengere Auswahl von Menschen, die mich interessieren und jenen, bei denen das weniger der Fall war, änderte für mich nichts an dem Grundproblem.

Was interessiert mich?

Da sind wir dann aber schon an einem interessanten Punkt. Was genau interessiert mich eigentlich? Wenn ich in den Kreis von „Freunden“ schaue, sehe ich da z.B. einen ehemaligen Kollegen, mit dem mich nie wirklich viel verband, während wir zusammen arbeiteten. Aber dennoch habe ich heute das Gefühl, dass das, was er schreibt und erlebt, mein Leben bereichert. Dagegen ist das Interesse an anderen, die mir noch vor einiger Zeit viel näher standen, deutlich geringer. Ich realisiere, dass ich immer nur einen gewissen Aspekt von Menschen kennenlerne, den ich spannend oder interessante finde oder der uns einfach auf irgendeine Weise verbindet. Aber der Rest der 360-Grad-Ansicht dieser Menschen bleibt mir i.d.R. solange verborgen, bis ich z.B. auf Facebook mehr oder weniger unfreiwillig damit konfrontiert werde. Ab dem Moment beginnt sich die ominöse Spreu von eben jenem Weizen zu trennen.

Das ist natürlich eine völlig normale Entwicklung. Menschen kommen und gehen in meinem Leben. Aber vollziehe ich diese Tatsache in den sozialen Medien nach, wo es dafür eigentlich nur eines Mausklicks oder eines Finger-Tabs auf den Bildschirm bedarf? Bin ich „stark“ genug, auszuhalten, was der andere über mich denken könnte, wenn wirklich ich den Schritt des „Ent-Freunden“ gehe? Ist es nicht doch besser, ein Grundrauschen zu akzeptieren, als einen Schritt zu tun, für den wir heute noch kein Gefühl haben, ob er als „gut“ und „schlecht“ zu bewerten ist?

Für mich stellt sich die Frage, ob ich den Strom an Neuigkeiten, den ich bekomme, richtig filtere. Für mich ist dabei die Person nicht der richtige Parameter. Es wäre vielmehr hilfreich, könnte ich nach Themen filtern (was Facebook nicht unterstützt). Damit könnte ich tatsächlich definieren, „was“ ich mitgeteilt bekommen will und nicht „wen“.

Drei Wochen ohne

Ich habe die letzten drei Wochen völlig ohne mein Netzwerk auf Facebook verbracht. Am Anfang war ich sicher, es würde mir irgendwann schwer fallen, aber ich habe es vom ersten Tag in keiner Weise vermisst. Mir kam nie der Gedanke, es wäre doch schön, jetzt kurz zu sehen, was die anderen machen. Für drei Wochen war mein Leben kein bißchen ärmer. Dafür habe ich mir einfach die Zeit gespart, die es täglich braucht, mich durch die Liste der neuen Beiträge zu arbeiten.

Für mich war eines allerdings deutlich spürbar: Zuletzt habe ich mich sehr an Posts und Links zum Thema „Flüchtlinge“ gerieben. Zum Glück hat mein bäriger Kumpel Chris mich irgendwann darauf aufmerksam gemacht, dass ich damit nerve. Erst dann ist mir klar geworden, wie exzessiv ich meine Meinung und Wut über andere zum Ausdruck gebracht habe und wie sehr ich dadurch meine eigene Stimmung beeinflusst habe – und ind er Folge auch die meiner Freunde, sofern sie mir nicht am ersten Tag bereits die Folgschaft gekündigt haben. Auch wenn da für mich eine klare „Vermeidungsstrategie“ durchscheint: Mit solchen Meinungen nicht konfrontiert zu werden, war wirklich eine Wohltat.

Fazit

Was mache ich nun aus dieser Erkenntnis? Kurz gesagt: Facebook ist vermutlich nicht meins. Es ist schön, am Leben einiger Menschen teilzuhaben, aber aktuell sind mir das einfach zuviele. Es wird wohl dahin führen, dass ich den meisten Menschen in meiner Freundes-Liste „entfolgen“ werde. Die Familie und einige wirklich enge Freunde werde ich dabei sicherlich ausnehmen. „Befreundet“ bleiben kann ich ja (vorerst) ruhig auch mit dem Rest.

Meine eigenen Facebook-Aktivitäten werde ich auf das beschränken, was ich für wirklich interessant halte für die Menschen, die mir folgen. Ob es für den Einzelnen wirklich interessant ist, muss er oder sie dann selber entscheiden. Wer mir dann „entfolgt“ oder mich sogar „entfreundet“, braucht sich nicht sorgen: Ich habe euch trotzdem lieb 😀

Ob das meine Beziehung zu Facebook am Ende kitten kann, werden wir sehen. Ich habe in den letzten Woche primär Twitter genutzt und festgestellt, dass mir das System deutlich mehr liegt. Ist das meine Alternative? Stay tuned 😀

 

P.S.: Am Ende dieses Textes fällt mir erneut auf, dass sich rund um diese ganzen Medien eine völlig neue Begriffskultur gebildet hat. Der Einfluss auf unsere Leben ist also doch erheblich.

 

Featured image: Udra

 

One Thought on “#NoFacebook – ein Selbstversuch

  1. Volker on 23. November 2015 at 10:44 said:

    Vielen Dank für diesen interessanten Text! Bei Facebook muss man in der Tat aufpassen, ob man das System aktiv und selbstbestimmt benutzt oder ob eher das System einen benutzt. Wenn man alle paar Minuten nachschaut, ob es vielleicht etwas Neues gibt, dann kann das Suchtfaktor bekommen. Sucht heißt: Fremdsteuerung. Außerdem finde ich, dass man regelmäßig durchsehen wollte, ob man wirklich mit allen Kontakten weiterhin über dieses Medium „befreundet“ sein möchte, und dass man dann auch konsequent entscheiden sollte. Ich war mit meinen „Freundschaften“ immer eher zurückhaltend, vor allem auch, weil ich die Kontrolle darüber behalten möchte, wer gewisse Interna aus meinem Leben erfährt (soweit ich nicht ohnehin öffentlich poste). Auf der anderen Seite hat es mir Facebook ermöglicht, Menschen wiederzufinden, die sonst vielleicht für immer aus meinem Leben verschwunden wären, alte Freunde und Bekannte aus verschiedenen Phasen meines Lebens. Hier ist eine neue Dimension des Kontakthalten Könnens entstanden. Manche Freunde wohnen weit weg, und ich sehe doch immer wieder Lebenszeichen von ihnen, mögen sie auch trivial sein. So entsteht ein wunderbares Netzwerk. In einer etwas anderen Hinsicht ist Facebook hilfreich für den politischen Diskurs mit Gleichgesinnten, um zu erfahren, was sie von aktuellen Ereignissen halten und welche Aktivitäten sie entfalten. Und nicht zuletzt bekomme ich über Facebook in gebündelter Weise Informationen über aktuelle politische und gesellschaftliche Ereignisse, auch auf der internationalen Ebene (z.B. entwicklungspolitisch und mit Blick auf Südasien / Nepal). Facebook ist für mich daher auf verschiedenen Ebenen derzeit unentbehrlich. Trotzdem: ein gut überlegter und selbstbestimmter Umgang ist außerordentlich wichtig, damit man davon nicht aufgesogen wird!

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