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Andersdenkende und Obdachlose – Reaktion auf einen Leserbrief

Hier in Bonn hat sich die Bevölkerung gegen den Bau einer beliebigen Shopping-Mall im Herzen der Stadt durchgesetzt. Dumm nur, dass der gescheiterte Bauherr die von dem vorbestraften Wirtschaftskriminellen Rene Benko geführte Signa Holding ist. Weil aber Benko nun seine neue Geldvermehrungsmaschine nicht bauen kann, macht er seinem Ruf alle Ehre und lässt die von der Signa Holding erworbenen Immobilien in dem ursprünglich geplanten Baubereich nach und nach leer stehen, indem bestehende Mietverträge nicht verlängert werden.

Dagegen regt sich nun Widerstand in der Stadt. Am gestrigen 14. Mai ist im Generalanzeiger Bonn nun der folgende Leserbrief zu finden, der nicht nur in bemerkenswert platter Art versucht, Menschen zu diskreditieren, sondern direkt noch die Chance nutzen will, am Aufhänger der „großen“ Story gleich noch ein wenig Menschenverachtung mit zu verarbeiten.

Der Erguss von Frau „Anna Schneider“, die sicherlich auch „Petra Müller“ heissen könnte, liest sich dann so:

Wie sieht das Viktoriakarree der Zukunft aus?

Es ist traurig. Da laufen einige mit Megafonen und Bierflaschen bewaffnete Herrschaften durch die Innenstadt, brüllen aggressiv „Viva Viktoria“, drängen Passanten zur Unterschrift. Gerade einmal  fünf Prozent der Bonner sprechen sich dafür aus, das Viktoriakarree im verwahrlosten Status Quo zu belassen, anstatt dort ein modernes Einkaufszentrum und eine Bibliothek einzurichten. Die wirtschaftlichen Motive der Rädelsführer werden auch in der Lokalpresse nicht beleuchtet. Aber die Motzkis haben sich durchgesetzt, gegen die Interessen der Allgemeinheit.

Ich kann nur hoffen, dass Signa auf juristischem Wege doch noch gewinnen wird. Auf ein ehemaliges Rotlicht-Etablissement wie das „Blow Up“ (was heißt das bitte eigentlich auf Deutsch?) kann man in unmittelbarer Rathausnähe getrost verzichten. Ebenso sollten Bordelle oder Flüchtlingswohnheime bitte anderenorts eingerichtet werden.

Leider wird es immer unattraktiver, einen Einkaufsbummel in der Innenstadt zu machen – erst recht, wenn man dabei auch die Außenbewirtung auf Marktplatz oder Münsterplatz in Anspruch nimmt: Man wird permanent belästigt, insbesondere von Personen aus der Alkohol- und Drogenszene.

Mein bisheriger Rekord: Fünf aggressive Bettler innerhalb von 60 Minuten – davon einige mit, andere ohne sogenannte Obdachlosenzeitung.

Als ich kürzlich in Frankfurt war,  haben die Kellner solche Personen, die die Gäste beim Essen gestört haben, sehr schnell und wirkungsvoll vertrieben. In Bonn traut sich das leider niemand.

Anna Schneider, Bonn

Wieso fällt es den Menschen so schwer, sachlich miteinander umzugehen auch dann, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Was genau ist gewonnen mit einem so durchsichtigen Gefühlsausbruch? „Bewaffnet“, „Bierflaschen“, „brüllen aggressiv“, „drängen zur Unterschrift“ und natürlich der Bonner-Begriff gegen alles „Motzkis“ dienen lediglich der Diskreditierung derjenigen, die eine andere Ansicht haben als Frau Schneider, die sich gegen die zunehmende Vereinnahme durch die kapitalistischen Strukturen in unserer Gesellschaft wehren.

Besonders bemerkenswert finde ich Frau Schneiders Aussage, Flüchtlingswohnheime gehörten bitte woanders hin, als in die Nähe des Rathauses (!) und der Konsumtempel. Die Gleichsetzung mit Bordellen in einem Satz überliest man da schon fast. Natürlich ist es der Wunsch der Schreiberin, dass der Bedürftige an den Rand der Stadt gedrängt wird. Wer will sich schon gerne damit auseinandersetzen, dass unser alltäglicher Einkaufsbummel im Kern nur den peinlichen Luxus widerspiegelt, in dem wir uns täglich sonnen können – während andere um ihr Überleben rennen und schwimmen.

Um das noch zu bekräftigen legt die Dame am Ende ihres Briefes nochmals nach und keilt, ganz im Sinne der oben bereits genannten Dame Müller, gegen die „Personen aus der Alkohol- und Drogenszene“ aus. Vermutlich meint sie hier Obdachlose, aber wer will von dieser Frau wirklich eine sachliche Differenzierung erwarten. Da sitzen wir gemütlich in der Sonne, schlürfen unseren völlig überteuerten Cappuchino, hauen uns möglicherweise noch ein schönes Stück Kuchen in dem Magen und dann kommt so ein Subjekt vorbei und fragt auch noch nach Geld. Wo sind wir denn hier? Sicherlich nicht am Stadtrand – den wir gerne auch mit dem Gesellschaftsrand gleichsetzen können –, wo Frau Schneider diese Personen sicherlich gleich neben Bordells und Flüchtlingsheimen ansiedeln würde.

Liebe Frau Schneider, ihr Leserbrief legt eine reichlich unsoziale elitäre Gesinnung in Ihnen nahe. Sie wollen gerne diejenigen loswerden, die anderer Meinung sind als sie und diejenigen, die meine und Ihre Gesellschaft bereits jetzt zu Verlierern und Randfiguren gemacht hat. Man könnte das Bild bekommen, dass für Sie Konsum Leben bedeutet und Genuss, den sie bitte durch aggressive Bierflaschenträger oder lästige Bettler nicht gestört sehen wollen. Man vertreibe diese Sorte Kreatur doch bitte für Sie.

Freuen Sie sich doch lieber, dass Sie überhaupt in der Lage sind, noch Geld auszugeben und dass Ihr Leben Ihnen das große Glück gewährt, nicht bei anderen Menschen um Almosen zu betteln. Sagen Sie sich gerade, dass Sie das natürlich NIE tun würden? Wenn es nötig wäre, würden Sie. Genauso wie diese Menschen, die ihren Stolz und ihre Ehre abgegeben müssen, um ein paar Euros zu erbetteln, mit denen sie den Tag halbwegs überstehen können. Sie würden.


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