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Der Sportler als Vorbild

Das olympische Feuer ist erschloschen, die Flaggen sind eingeholt und ich denke noch „Jetzt ist Ruhe“, da lese ich noch immer Reaktionen auf den Olympiasieg von Christoph Harting. Also, nicht eigentlich auf den völlig überraschenden Olympiasieg, sondern auf das Verhalten des deutschen Sportlers auf dem Siegerpodest.

Natürlich kribbelt es, wenn man Harting auf dem Podest stehen sieht – er „steht“ ja eigentlich nicht. Das macht man doch nicht. Man steht doch still, den Blick andächtig auf die sich langsam in den brasilianischen Himmel erhebende Flagge gerichtet, Tränen in den Augen. Um der Kritik im heimischen Vaterland vorzubeugen, bewegt man zumindest die Lippen zu den Worten der Hymne, falls man nicht sogar lautstark selber singt. Und wer sich richtig ins Gedächnis einprägen will, der lege dann noch die Hand auf den Brustkorb – zumindest irgendwohin, wo man sein Herz im Körper vermutet.

Vom Unbekannten zum Verräter – in Sekunden

Das macht Harting mal ganz anders. Regelverstoß! Geht gar nicht für das heimische Publikum und die Presse. In nur wenigen Sekunden wird Christoph Harting – bei dem sich der durchschnittliche Deutsche gerade noch gedacht hat „heisst der nicht Robert?“ – zum Vaterlandsverräter und tritt vermeintlich all das mit Füßen, wofür das moderne Deutsch-Sein steht. Und weil es dann so hübsch klingt, erinnern wir die Welt – und Harting vor allem – daran, dass er eine Vorbildfunktion zu erfüllen hat und gefälligst nicht zum Spass da auf dem Podium steht.

Damit aber noch nicht genug, denn Harting geht noch weiter: Er verweigert einem von deutschen Rundfunkbeiträgen bezahlten und nach Brasilien im Auftrag des ganzen Landes entsandten Journalisten den obligatorischen Handschlag. Das war es dann gänzlich. Ende Gelände. So geht es gar nicht. Rausschmeißen den Kerl. Das zumindest fordert Thorsten Freund, Sport- und Geschichtslehrer von Drüben. Und der muss es ja wissen.

Screenshot - Reaktion zu Harting

Facebook-Reaktion

Es ist aus meiner Sicht bezeichnend, dass wir uns lieber an wenigen Sekunden erzürnen als unseren Blick darauf zu richten, was da gerade eigentlich passiert ist. Ein junger Mann (26) hat sich vom Gros der deutschen Sofa-Sportler unbemerkt zu einer Größe in der Leichtathletik entwickelt. Haben wir kurz zuvor noch über das Missgeschick seines Bruders gelächelt, kommt dieser Unbekannte daher und düpiert den Rest der Welt.

Im Fokus der Welt – in Sekunden

Niemand von uns kann sich auch nur annähernd in die Situation eines Christoph Hartings versetzen. Keiner kann sagen – vermutlich nicht einmal er selber – was in ihm vorging. Aus dem Schatten des großen Bruders getreten zu sein, innerhalb von Sekunden in der Aufmerksamkeit der Welt zu stehen und dann Flagge und Hymne des eigenen Landes zu hören, während er ganz oben auf dem Podest steht. Ein paar Tausend Zuschauer im Stadion und Millionen auf den Sofas der Welt starren nur ihn an. Keiner von uns kann wissen, was er in diesem Moment getan hätte. Man kann es vermuten, aber man liegt mit großer Sicherheit falsch.

Wie entwickelt sich so ein Sportler?

Es verbietet sich, Sportler permanent zu irgendwelchen „Vorbildern“ zu ernennen. Für was genau sollen sie als Vorbild denn stehen? Welche Werte sollen sie verkörpern? Wem exakt sollen sie Vorbild sein? Was aber aus meiner Sicht noch viel wichtiger ist: Wer bereitet einen so jungen Menschen denn darauf vor? Wie können wir einem einzelnen Menschen eine solche Bürde auferlegen?

Schaut man sich an, wie sich Sportler entwickeln, so wird man feststellen, dass sie nichts anderes tun als das, woran sie Spaß haben: Laufen, werfen, stoßen, einem Ball nachlaufen, reiten, schwimmen, schießen, springen… Ihre Leidenschaft treibt sie an, sich selber weiterzuentwickeln und als Maßstab nehmen sie an Wettkämpfen teil. Sie werden besser und zu höherwertigen Wettkämpfen eingeladen. Vielleicht ziehen sie in jungem Alter von Zuhause weg, um bessere Möglichkeiten zu suchen, sich zu entwickeln. Und irgendwann reicht dann die eigene Leistung, um im internationalen Umfeld zu konkurrieren.

Da fragt einen dann keiner „möchtest Du gerne als Vorbild für Deine Generation dienen und Volk und Vaterland bei der WM oder Olympia vertreten?“. Ich bin auch sicher, dass die jungen Menschen kaum auf diese Rolle vorbereitet werden. Und dann stehen sie plötzlich in einem Stadion vor der ganzen Welt, stoßen plötzlich die Kugel weiter als alle anderen und schon erwartet man von ihnen, dass sie ab diesem Punkt perfekt funktionieren. Das ist doch Blödsinn. Ich bin mir sicher, dass Harting mit der Kombination allen, was in diesen Momenten zusammenkam, selber völlig überfordert war. Wie häufig hören wir, dass es lange dauert, einen solchen Erfolg „zu verdauen“?

Erfolg und Erwartungen

Natürlich schaffen es auch andere, sich auf dem Podium zusammenzureißen, aber ich halte es für völlig normal, wenn dies einem jungen Menschen – und wir vergessen viel zu häufig, wie jung unsere Sportler eigentlich sind – einmal nicht gelingt. Das kann man anmerken und kritisieren, aber dabei sollte man große Vorsicht walten lassen. Der Mann steht in dem Moment für nichts anderes als für einen Wettkampf, den er alleine (nicht Volk und Vaterland) gewonnen hat. Seine Anstrengungen alleine haben ihn dahin gebracht, sein Mut und seine Entbehrungen als Grundlage.

Wir, die wir bis dato völlig unbeteiligt waren an dieser Entwicklung, können nicht plötzlich abstrakte Erwartungen formulieren, wie einer gefälligst zu sein hat. Und wenn er in dem Moment, in dem sein großer Erfolg „offiziell“ wird, nicht die strenge Form wahrt, hat er dafür meine Sympathie. Weil ich einfach auch nicht sagen könnte, was ich machen würde. Es ist für mich okay, wenn er seine innere Spannung nur kontrollieren kann, in dem er „den Clown“ macht. Ist halt so.

Aber keine Angst, liebe Deutschen, den Harting habt ihr mit Sicherheit gebrochen. Beim nächsten Mal, wird er der glatte, angepasste Durchschnitssieger sein, den viele offensichtlich lieber sehen wollen. Ein echter Verlust.

Ich bin Sportler, und ich verstehe mich auch nur als solcher. Das heißt, meine Aufgabe und mein Job ist, Sport zu machen. Das Stadion, das ist meine Bühne, dafür lebe ich, das macht Fun ohne Ende. Die ganze PR-Maschinerie rundherum ist quasi noch mal ein anderes Berufsfeld. Das muss man auch erst lernen, da muss man seinen Gesellen machen. So weit bin ich noch nicht.

Christoph Harting über Christoph Harting

 


Beitragsbild: Ailura (Own work) [CC BY-SA 3.0 at (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/at/deed.en)], via Wikimedia Commons

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