Blog

Wenn Angst gesellschaftsfähig wird

Ich möchte in diesem Artikel meine Sicht auf Entwicklungen wie Pegida, AfD oder auch Donald Trump darstellen. Ich denke, dass alle die gleichen Ausgangspunkte haben. Ich habe mir schon eine Zeit lang Gedanken drüber gemacht, aber erst in einer Vorlesung zu Gruppendynamik ist mir vor einigen Tagen der Schlüssel in die Hände gefallen. Ich beschäftige mich in diesem Artikel nicht mit chronisch hassgetriebenen, sondern mit dem (ehemals) netten Menschen von nebenan.

Eines ist mir vorab wichtig: Ich verharmlose keine der o.g. Bewegungen, Parteien oder Personen. Diese sind – jede für sich – brandgefährlich. Wir müssen uns davor hüten, diese zu belächeln oder sogar zu unterschätzen. Ihnen wurde auf verschiedene Weise ein und dieselbe Tür geöffnet. Auch wenn ich die Vergleiche in diese Zeit nicht gerne höre, so ist die gleiche Tür schon einmal im Deutschland der späten 1920er, frühen 1930er geöffnet worden. Die Folgen kennen wir.

Ausgangspunkt Angst

Die BILD-Zeitung macht es seit Jahren und Jahrzehnten sehr erfolgreich und ein ganzes Genre misst sich darin mit ihr: Ängste pflegen. Umgangssprachlich sprechen wir gerne davon, dass Ängste geweckt werden. Ängste schlafen aber nicht. Sie sind wach und warten. Wir mögen unsere eigenen Ängste nicht wahrnehmen, aber wir tragen sie in uns. Angefangen bei der überlebensnotwendigen Abhängigkeit von unserer Mutter haben wir alle unsere Angsterfahrungen gemacht. Je nachdem, wie solche Erfahrungen für uns ausgegangen sind, konnten wir diese Ängste bewältigen oder nicht. Sobald wir Bewältigungsmechanismen entwickelt haben, sind unserer Chancen gut, dass vergleichbare Situationen uns nicht vor Herausforderungen (=Angst) stellen.

Ganz anders stellen sich Situationen dar, für die wir keine (geeigneten) Bewältigungsmechanismen haben. Auf diese reagiert jeder Mensch mit Angst. Sind wir in der Lage, schnell einen geeigneten positiven Umgang mit einer unbekannten Herausforderung zu gestalten, haben wir Glück. Gelingt uns das nicht, nistet sich diese unbewältigte Angst ein, verlangt uns Verdrängungstaktiken ab und wartet darauf, irgendwann zurückzuschlagen – aber sie schläft nicht.

Viele Menschen finden sich mit diesem Unbewältigten in strengen Wertesystemen der Gesellschaft wieder („Das macht man nicht“, „Das sagt man nicht“…), die ihnen die Möglichkeit nehmen, sich einen (positiven) Umgang mit ihren Gefühlen zu erarbeiten. Das, was eigentlich raus muss, was geäußert werden will, gärt im Inneren. Nur im vertrauten Kreis oder im Dialog mit sich selber, finden Ängste einen Raum, in dem sie dann Platz haben, sich zu z.T. abstrusen Angstsystemen zu entwickeln.

Werkzeug Angst

Genau auf diese Umstände zielen nicht nur die bereits genannten Organe der Journalie ab. Auch Parteien und Bewegungen machen von diesen Mechanismen Gebrauch. Kalkül: „Wenn wir nur lange genug dran rütteln, dann wird sich die Angst bei den Menschen schon bemerkbar machen.“ Selbst die Friedensbewegung in den Siebzigern und Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts, konnte ihren Nutzen daraus ziehen, dass es viele Menschen gibt, die ihre Ängste nicht rational bewältigen können.

Wer nur auf den eigenen (Macht-)Vorteil in diesem Sinne aus ist, vergeht sich an den Ängsten des Nächsten. Beobachten wir den aktuellen Wahlkampf von Donald Trump im Jahre 2016, stellen wir fest, dass die Basis für dessen derzeitigen Erfolg nicht seine weltmännische Haltung ist, nicht sein außenpolitischer Verstand sind, sondern sein hervorragendes Gefühl dafür, was Menschen fürchten, ohne es öffentlich äußern zu können.

Erlösung durch die Gruppe

Mit jeder Rede des zunehmend zornigen Kandidaten – und an dieser Stelle kann man beliebig auch Pegida, NPD, AfD und andere setzen – wird das Unausgesprochene gesellschaftsfähiger. Endlich kann gesagt werden, was solange verborgen wurde. Im Gleichklang mit anderen, die ähnlich empfinden, macht sich eine Erleichterung breit. Das Gefühl der Gruppe hebt das eigene Selbst (vergleiche Die Welle unten). Die Gruppe verbindet. Die Sehnsucht nach der Gruppe und dem Gefühl, schließlich geborgen zu sein, ist so stark, dass sie sogar entgegen den eigentlichen Überzeugungen des Einzelnen in jeder Hinsicht nach außen in Schutz genommen wird (Ingroup/Outgroup-Verhalten). Die Verdammung der kritisch berichtenden „Lügenpresse“ ist ein deutlicher Ausdruck davon. Wird in der gleichen Presse allerdings von Vergehen der „Anderen“ (der Outgroup) geschrieben, nimmt die Gruppe das nur zu gerne als bare Wahrheit hin.

Deutlich wird der besondere Hang zur Gruppe dann, wenn ihre Teilnehmer – z.B. bei spontanen Interviews von Fernsehsendern – aus der Gruppe isoliert werden. Ihnen ist eine deutliche Verunsicherung anzumerken. Wer mit dieser nicht umgehen kann, verliert sich in gruppen-typischen Phrasen, droht anschließend u.U. sogar mit Gewalt und fordert intensiv zum Verlassen des gruppenlichen Schutzraumes auf.

Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Es handelt sich nicht um ein vollständiges bereitwilliges Folgen, sondern um die Aussicht auf ein lange gehegtes (und vermisstes) Zugehörigkeitsgefühl. Dieses Gefühl zieht sich theoretisch durch alle sozialen Klassen. Es bliebe Aufgabe der Gesellschaftsforschung, hier bestimmte Zusammenhänge aufzuzeigen.

Wie gute Menschen böse werden

Aus der Gruppe heraus ist dann alles möglich. Stanley Milgram und Philip Zimabrdo (beide s.u.) haben in aufwühlenden Studien und Experimenten nachgewiesen, wie bereitwillig Menschen sich – durch kleinste Einflüsse – zum Bösen wenden. Philip Zimbardo hat in einem sehr emotionalen TED Talk seine Erfahrungen auf diesem Gebiet zusammengefasst. In seinem Fazit identifiziert er 7 Faktoren, die den Weg zum „Bösen“ ebnen:

  • Gedankenlos den ersten kleinen Schritt machen
  • Die Anderen ent-menschlichen [s. Zimbardo]
  • Die eigene Individualität aufgeben (Anonymsierung)  [s. Zimbardo]
  • Die persönliche Verantwortung zerstreuen
  • Blinder Gehorsam gegenüber Autoritäten [s. Milgram]
  • Unkritische Anpassung an Gruppennormen
  • Passive Toleranz gegenüber Bösem durch Nichtstun oder Gleichgültigkeit

… und das vor allem in neuen Situationen.

Dem ist mit Blick auf die zu Beginn genannten Organisationen und Personen nichts hinzuzufügen. Man muss sich also nicht fragen, wie der bislang brave Mitbürger plötzlich Brände legt oder Busse belagert.

Was mit diesen neuen Gruppierungen nun passiert hängt davon ab, als wie stark sie sich am Ende erweisen und wie intensiv sich der Einzelne vom Gegendruck der Outgroups beeindrucken lässt. Klar ist vor allem eines: Pegida, AfD und allen voran Trump sind gefährlich. Es handelt sich bei ihnen um soziale Brandstifter, die erheblichen Schaden anrichten können. Sie zu unterschätzen wäre ein großer Fehler. Es muss unserer Gesellschaft vielmehr gelingen, diejenigen zurück zu gewinnen, die diesen Gruppierungen folgen. Das aber bedarf erheblicher sozialer und politischer Veränderungen.


Hüther, Gerald, [amazon text=Biologie der Angst – Wie aus Streß Gefühle werden&chan=reiner&asin=3525014392] (Partnerlink), 12. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, 2014, ISBN: 978-3525014394

Der Film The Wave (Die Welle) zeigt am Beispiel eines tatsächlich in einer US-amerikanischen Schule durchgeführten Experimentes eindrucksvoll, wie selbstverständlich sich Gruppendynamiken entwickeln und wie schwierig es ist, diese zu kontrollieren.

Stanley Milgram
 führte im Jahre 1961 ein Experiment mit 1000 beliebig ausgewählten Probanten durch, das mit erschreckender Klarheit aufzeigte, wie bereitwillig der Mensch – in direktem Widerspruch zum eigenen Gewissen – autoritären Anweisungen folgt.

Philip Zimbardo hat mit dem Stanford Prison Experiment einen erkenntnisreichen Meilenstein gesetzt. Nicht nur wies er nach, wie sich allein durch die definierte Rolle, Uniform und Gruppenverhalten Menschen zum Bösen wenden können. Vielmehr musste er selber auch an sich feststellen, dass die Außensicht auf solche Vorgänge durch intensive Beteiligung getrübt wird. In seinem Buch [amazon text=Der Luzifer Effekt: Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen&chan=reiner&asin=3827430275] (Partnerlink) hat Zimbardo seine Erkenntnisse zusammengetragen.

 

 

Sag mir Deine Meinung...

Post Navigation